



 |

Mehr Raum für die Sinne
von Florian Deroubaix
Physiotherapeut, blind
Was ist die Blindprobe für mich? Vielleicht sollte ich
die Gelegenheit erstmal nutzen, um zu klären, was "Blindprobe"
für mich in jedem Fall nicht ist:
Die Blindprobe führt Integration als Motiv mit, von
Interessenverbänden gefördert wird sie allerdings nicht. Sie
gehört für mich außerdem nicht zu den Dunkelevents, wie
sie gerade in letzter Zeit weltweit und in großer Anzahl
auftreten, bei denen die Leute während dem Verzehr eines
überteuerten Essens die Möglichkeit haben, einen
„echten Blinden“ über sich und sein Leben auszufragen.
Bei der Blindprobe hingegen ist der seheingeschränkte
Mitwirkende u.a. ein Qualitätsgarant für einen reibungslosen
Service-Ablauf im Dunklen und versteht sich nicht als kurioses Objekt,
das nach der Rückkehr im Licht bestaunt werden darf. Er ist stets
auch aktiver Teilnehmer einer Blindprobe. Pharisäisches
Gutmenschentum liegt diesem Projekt fern.
Doch auch das Programm, welches wir dem Besucher im Dunkeln
anbieten, hebt sich vor allem in seiner Intensität und Zielsetzung
deutlich von anderen Veranstaltungen ähnlicher Art ab. Um die
Blindprobe zu einem noch intensiveren Erlebnis zu machen, den
verbleibenden Sinnen wieder möglichst viel Raum zu schenken, hat
sich der Wein als ideales Medium herauskristallisiert. Wie fundamental
sich die Wahrnehmung beim Riechen und Schmecken im Dunklen
verändern kann, zeigt Wein in vielfältiger Art und Weise.
Doch im Sensorium steckt ebenso Potential für
außergewöhnliche Lesungen, Konzerte oder
Skulpturenausstellungen. Die Blindprobe stellt in einer extrem
visualisierten Zeit einen echten Gegenpol dar, der uns daran erinnern
kann, dass wir auch noch andere Sinne haben, die uns unsere Umwelt in
ganz anderen Facetten erleben lassen. Denn für alle gilt: Ein
hochwertiger Wein will bewusst getrunken, dem geschliffenen Wort und
guter Musik aufmerksam zugehört und die Formen einer Skulptur
intensiv ertastet werden.

|